900.000 Eingriffe jährlich: Experten sagen, wann Herzkatheter nötig ist – und wann nicht

Ein Gefühl von Enge in den Bronchien befiel Wolfgang Koschel, als er im Dezember 2015 mit dem Rad in Brandenburg unterwegs war. Den eigentümlichen Schmerz schob der 68-Jährige auf die Winterkälte. Doch seine Ärztin hatte Bedenken: „Nicht, dass da was am Herz ist“, sagte sie und schickte ihn in eine Klinik. Als der Kardiologe den haarfeinen Katheter zu seinem Herz hinaufschiebt, wird klar: Koschels Herzkranzgefäße sind bedrohlich verengt. Das Blut fließt zu spärlich. Das Risiko für einen Herzinfarkt ist hoch.

Haarfeine Herzkatheter für Diagnose und Therapie

900.000 Herzkathetereingriffe führen Kardiologen jedes Jahr durch. „Deutschland steht international an der Spitze“, sagt Hugo A. Katus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Infarkte lassen sich so erkennen, verengte Gefäße aufweiten und Herzrhythmusstörungen behandeln. „Früher dienten Herzkatheter der Diagnostik. Heute erfolgt ihr Einsatz meist in der Absicht zu therapieren. Dieser Trend wird sich noch verstärken“, ist der Kardiologe überzeugt.

Experten äußern dennoch auch Kritik: Menschen hierzulande bekommen sehr viele Herzkathetereingriffe, sterben aber nicht seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als in anderen Ländern, sagt etwa der Gesundheitsforscher Dawid Pieper von der Universität Witten/ Herdecke. Deshalb müsse man hinterfragen, wann eine Katheteruntersuchung wirklich sinnvoll sei.

Bei einem Kathetereingriff liegt der Patient auf einem OP-Tisch mit Röntgengerät, dem Herzkatheterlabor. Über ein Blutgefäß in der Leiste, Ellenbeuge oder am Handgelenk schiebt der Kardiologe eine feine Kunststoffkanüle, den Katheter, bis zum Herz hinauf. Der Patient spürt das nicht.

Ein Kontrastmittel macht die Gefäße in der Röntgenaufnahme auf einem Monitor für den Arzt sichtbar. So kann er verengte oder verschlossene Herzkranzgefäße ausmachen oder einen unregelmäßig schlagenden Herzmuskel erkennen. Die meisten Patienten gehen vier Stunden nach der Herzkatheter-OP mit Begleitung nach Hause.

Eines ist unstrittig, sagt Experte Katus: „Nach einem Herzinfarkt ist ein sofortiger Kathetereingriff sinnvoll.“ Das verengte oder verschlossene Gefäß muss rasch wieder geöffnet werden, damit das Blut alle Teile des Herzmuskels optimal erreicht.

Katheteruntersuchung zur genauen Ursachensuche

Die meisten Katheteruntersuchungen betreffen aber Patienten in stabilem Zustand mit einer mutmaßlichen Herzerkrankung. „Das Dilemma ist, dass sich ein krankes Herz nicht eindeutig bemerkbar macht“, sagt Christian Butter, Leiter der Kardiologie am Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg.

Die typischen Symptome wie Luftnot und Schmerzen im Brustraum bis zu den Schultern treten auch bei anderen Erkrankungen auf. Bei vielen Menschen, die ihr Herz verdächtigen, steckt anderes dahinter.

„Wenn sich eine Frau Mitte fünfzig vorstellt in schwieriger privater und beruflicher Lage, die schlank ist und gesund lebt, muss man genau prüfen, woher die Beschwerden kommen“, sagt Butter.

Auch psychische Leiden wie Angststörungen und Depressionen äußern sich so. Ebenso kann eine Atemwegserkrankung dahinterstehen. Noch öfter kommen die Probleme schlicht von einem verspannten Rücken. „Das Wichtigste ist daher das Gespräch mit dem Patienten“, so Butter.

Vor einem Kathetereingriff müssen Ärzte beweisen, dass eine Durchblutungsstörung vorliegt.„Dies wird oft vernachlässigt“, bedauert Butter, „und Patienten werden vorschnell kathetert.“ Die Leitlinien raten zunächst zu einem Belastungs-EKG. Während der Betroffene in die Pedale eines Ergometers tritt, zeichnet der Arzt die Herzströme auf.

Daneben gibt es heute modernere Verfahren: Patienten können sogar in Seitenlage Fahrrad fahren, während der Kardiologe das Herz im Ultraschallbild studiert. Auch ein spezielles Computertomogramm, das Koronar-CT, macht das Herz sichtbar. „Gerade bei Personen mit unauffälligen Vorbefunden, bei denen wir aber trotzdem eine Herzkrankheit vermuten, ist das Koronar-CT eine sinnvolle Alternative“, erklärt Eberhard von Hodenberg, Chefarzt des MediClin Herzzentrums Lahr/Baden.

Zweitmeinung bei Unsicherheit

Im Zweifel rät der Experte zur Zweitmeinung vor einem Kathetereingriff. Viele Krankenkassen bieten einen entsprechenden Service an. Von Hodenberg arbeitet selbst als Zweitmeiner für das Unternehmen Medexo.

„Es kommt durchaus vor, dass ich von dem Eingriff abrate, den der Erstmeiner empfohlen hat“, sagt er. „Es betrifft meist Katheter-Interventionen bei Herzklappenerkrankungen oder vorschnelle Eingriffe beim Vorhofflimmern.“ Der Klassiker der Herzkatheteruntersuchung ist indes das Aufdehnen von Gefäßen. Dafür pumpt der Kardiologe an der Engstelle einen winzigen Ballon mit einem Druck von bis zu 20 Bar auf, dem Zehnfachen des Drucks eines Fahrradreifens. Damit das gedehnte Gefäß nicht wieder kollabiert, setzt er meist nachfolgend einen Stent ein, eine tunnelförmige Stütze für die Gefäßwände.

Ebenfalls lassen sich heute via Katheter Behandlungen ausführen, die früher nur in einer OP am offenen Herz oder noch gar nicht möglich waren. Der Kardiologe kann ein Loch in der Herzscheidewand mit einem Schirmchen schließen. Über die feinen Sonden ersetzt oder repariert er Herzklappen.

Immer häufiger behandeln Katheterspezialisten auch Herzrhythmusstörungen. Oft sind es nur einige Zellverbände in dem Organ, die es aus dem Takt bringen. Dieses störende Gewebe veröden Kardiologen. Bei jüngeren Patienten lässt sich Vorhofflimmern häufig ganz beheben. „Wir haben eine Erfolgsrate von 70 bis 80 Prozent. Das ist enorm“, sagt Katus. „Die Betroffenen müssen dann keine oder weniger Medikamente nehmen.“

Weniger Enge, mehr Luft

Uwe Bartsch hat von dem Eingriff profitiert. Früher arbeitete der 65-Jährige als Politiker, Unternehmer und Elektriker. „Kammerflimmern nach einem Stromschlag fürchtete ich als junger Mann“, sagt er. Aber der Stress, zu viel Arbeit, Zigaretten, keine Bewegung, bald Übergewicht und Diabetes belasteten sein Herz auf ganz andere Weise. Über die Jahre plagten ihn Herzrhythmusstörungen. „Man wacht dann vom Herzschlag auf. Von 70 auf 130“, sagt er. Die Ärzte hatten ihn gewarnt: „Sie sind ganz schön schnell unterwegs, sagten sie immer.“ Fast ein Dutzend Mal war er schon im Herzzentrum Bernau. Die Ärzte versuchten, seine Rhythmusstörungen mit diversen Methoden zu behandeln. Nichts half lange.

Im Frühjahr 2019 verödeten sie erstmals Gewebe an der Innenseite des Herzmuskels in einem Kathetereingriff. Seither hat Bartsch eine Apple Watch und überwacht seinen Rhythmus selbst. „Bis jetzt ist alles in Ordnung“, sagt er. „Ich habe aber auch abgenommen von 130 auf 95 Kilo.“

Dieser Artikel wurde verfasst von Susanne Donner, Medizinjournalistin

 

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Das Original zu diesem Beitrag „900.000 Eingriffe jährlich: Experten sagen, wann Herzkatheter nötig ist – und wann nicht“ stammt von FOCUS Arztsuche.

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