Skeptiker setzen auf Totimpfstoff – doch selbst der Hersteller sagt: Warten Sie nicht

Wie viele andere, die der Impfung skeptisch gegenüberstehen, soll auch Fußballer Joshua Kimmich auf den Totimpfstoff gegen Corona warten. Ein Kandidat dieses Impfstoff-Typs ist in der Entwicklung besonders weit. Doch selbst deren Chef warnte zuletzt davor, auf den Totimpfstoff zu warten.

Mehr als 55 Millionen Deutsche sind inzwischen vollständig gegen Covid-19 geimpft. Mehr als zehn Millionen Erwachsene sind es trotz eindeutiger Impfempfehlung der Stiko weiterhin nicht. Fußballprofi Joshua Kimmich vom deutschen Rekordmeister FC Bayern ist einer von ihnen. Das bestätigte er am Samstag dem TV-Sender Sky.

"Ja, das stimmt. Weil ich für mich persönlich noch ein paar Bedenken habe, was fehlende Langzeitfolgen angeht", erklärte der 26-Jährige nach dem Bundesligaspiel gegen Hoffenheim.

Mediziner entkräften Befürchtung wegen Langzeitfolgen

Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Haltung unbegründet, betonen Experten: "Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten", sagte etwa der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl.

"Was man bei Impfungen unter Langzeitfolgen versteht, sind Nebenwirkungen, die zwar innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auftreten, die aber so selten sind, dass es manchmal Jahre braucht, bis man sie mit der Impfung in Zusammenhang gebracht hat", schildert der Mediziner. IfADo Immunologe Carsten Watzl

Weil gegen Corona schon so extrem viele Impfdosen verabreicht worden sind, kenne man mögliche seltene Nebenwirkungen wie Sinusvenenthrombosen bereits heute. "Hätten wir jedes Jahr nur zehn Millionen Impfungen durchgeführt, könnte es sein, dass man diese Nebenwirkungen erst viel später erkannt hätte", erläutert Watzl.

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Stiko-Chef: Kimmich "kein Fachmann in Fragen der Impfung"

Auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, wies die Bedenken von Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich zurück. Der sei demnach sicher ein ausgewiesener Fachmann in Fragen des Fußballs, "aber kein Fachmann in Fragen der Impfung und der Impfstoffe".

Dennoch habe er mit seinen Bedenken einem Problem Ausdruck verliehen, das sicher bei manchen Menschen in unserer Gesellschaft so gesehen werde, erklärt Mertens im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

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  • Dass er sich künftig noch impfen lassen werde, schloss Kimmich am Samstag nicht aus. Laut "Bild" warte er möglicherweise auf die Entwicklung eines sogenannten Totimpfstoffs. Diese enthalten anders als die bisher zugelassenen mRNA- und Vektorimpfstoffe abgetötete Krankheitserreger. Gelangen sie über die Impfung in den Körper, löst das genauso wie die anderen Impfstoffe eine Reaktion des Immunsystems aus. Die Folge: Antikörper entstehen.

    Sind Totimpfstoffe sicherer?

    Dieser Mechanismus wird seit Jahrzehnten etwa bei der Impfung gegen Hepatitis, Polio, Tetanus und auch der Grippe angewendet. Manche Impfskeptiker halten Totimpfstoffe deshalb für sicherer als die neuartigen Impfstoffe gegen Corona.

    Medizinisch haltbar ist diese These allerdings nicht. So eine pauschale Aussage wäre falsch, erklärte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit gegenüber der "Bild". "Es gibt zwar eine längere Erfahrung mit bestimmten Totimpfstoffen wie etwa gegen Hepatitis B, aber ein Vergleich ist schwer möglich. Jeder Impfstoff muss einzeln betrachtet und beurteilt werden."

    Valneva-Chef: "Jede Impfung ist besser als keine Impfung"

    Aufgrund falsch gemeinter Sicherheitsbedenken auf einen Totimpfstoff zu warten, davon hatte im September selbst der Geschäftsführer des Herstellers abgeraten, der in Sachen Totimpfstoff am weitesten in der Entwicklung ist. Zwar seien die Antikörper, die ein Totimpfstoff generiere, "denen einer natürlichen Infektion am ähnlichsten", sagte Valneva-Chef Thomas Lingelbach im "Mittagsjournal" des österreichischen Senders Ö1.

    Aber sei nicht nur unklar, welche Bedeutung das habe, sondern sei bei Corona auch "jede Impfung besser als keine Impfung". "Ich halte es für extrem wichtig, dass wir eine hohe Durchimpfungsrate haben, um wieder zu einer Normalität zu kommen und Varianten hintan zu halten. Und ich versuche, jeden, mit dem ich rede, zu ermutigen, sich impfen zu lassen", so der Geschäftsführer des französischen Pharmaunternehmens.

    Hersteller meldet positive Ergebnisse aus Phase-3-Studie

    Allerdings meldet Valneva inzwischen durchaus positive Daten bezüglich der Wirksamkeit seines Impfstoffkandidaten: Den ersten Ergebnissen der finalen Phase 3 ihrer Zulassungsstudie nach provoziert der von ihnen entwickelte Impfstoff eine höhere Antikörperkonzentration als das bereits zugelassene Vakzin von Astrazeneca. Zudem sei der Impfstoff „im Allgemeinen gut verträglich“. An der Studie hatten den Angaben zufolge 4012 Menschen ab 18 Jahren in Großbritannien teilgenommen.

    Ob und wann der Impfstoff allerdings zugelassen werden könnte, ist bisher unklar. Daten zur Prüfung sind bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bisher nicht eingegangen. Zuletzt hatte man bei Valneva mit einer möglichen Zulassung in der Europäischen Union im ersten Halbjahr 2022 gerechnet. Bis dahin könnte der Großteil der Ungeimpfte jedoch bereits immun sein – weil sie sich bei wieder stark ansteigenden Zahlen vermutlich in absehbarer Zeit infizieren werden, wie Experten wie Christian Drosten vorhersagen.

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    Risiko für Ungeimpfte in diesem Winter "so hoch wie nie"

    Nach Einschätzung des Greifswalder Bioinformatikers Lars Kaderali stehe ungeimpften Menschen die größte Gefahr durch eine Corona-Infektion unmittelbar bevor. Sie hätten im kommenden Winter ein Infektionsrisiko, "das so hoch sein wird, wie es noch nie in der Pandemie war", sagte der Leiter der Bioinformatik der Universitätsmedizin Greifswald.

    Bei Infektionszahlen, die man in Mecklenburg-Vorpommern jetzt schon wieder überschritten habe, sei im vergangenen Jahr schon ein Lockdown diskutiert worden. Das sei wegen des Impfangebotes in diesem Jahr anders. "Im Prinzip läuft es jetzt durch." Das Infektionsgeschehen werde sich vor allem im nicht geimpften Teil der Bevölkerung abspielen.

    Das hätten zuletzt auch die Zahlen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lagus) gezeigt: Bei den Ungeimpften habe die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner zuletzt bei über 100 und bei den Geimpften bei 20 bis 25 gelegen. Selbst in der Gruppe der über 60-Jährigen mit großem Risiko gebe es immer noch einen substanziellen Anteil Ungeimpfter.

    Warum die Zahlen aktuell so stark steigen

    "Wir werden – das sieht man ja jetzt schon – steigende Inzidenzen bekommen. Das wird sich sicherlich mit einsetzendem Winter dann auch beschleunigen", prognostiziert Kaderali. Hinter den zuletzt gestiegenen Infektionszahlen steht demnach zum einen die einsetzende Saisonalität – es wird kälter und Menschen halten sich vermehrt in Innenräumen auf, wo sich das Virus besser verbreitet. Daneben mache sich die aggressivere Delta-Variante bemerkbar sowie die höhere Mobilität der Menschen während der Herbstferien.

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    Nach Kaderalis Simulationen wird es etwa zu Weihnachten beziehungsweise um Neujahr herum zum Maximalwert der Sieben-Tage-Inzidenz kommen. Das hänge aber davon ab, wie schnell sich der Anstieg entwickle. "Ich kann mir auch vorstellen, dass das durchaus nochmal in den 200er, 300er, vielleicht auch 400er-Bereich geht."

    Eine genaue Vorhersage sei allerdings schwierig und hänge zum einen von dem Effekt der Saisonalität aber auch von der tatsächlichen Impfquote ab. Hierzu gebe es unterschiedliche Angaben etwa von Lagus und dem Robert-Koch-Institut. Kaderalis Simulationen zeigten, dass dieser Faktor einen großen Effekt habe. Fünf Prozentpunkte mehr bei der Impfquote könnten demnach fast zur Halbierung der maximalen Sieben-Tage-Inzidenz der Infektionen führen.

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