Die letzten Impfmuffel: 6 Gruppen müssen wir noch erreichen, um die Pandemie zu beenden

Noch immer ist die Impfquote zu gering, um alle Corona-Maßnahmen aufzuheben. Eine höhere könnte Deutschland entspannter durch den Winter bringen. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Um bestimmte Menschen muss man sich besonders bemühen, um sie aktiv aufzuklären.

„Die wenigsten haben aktiv was gegen die Impfung. Den meisten ist es einfach egal“, berichtet Lara Erdmann auf „Zeit Online“ aus dem Klinikum Dortmund. Ihre Patienten auf der Pneumologie sagen ihr oft: „Ich wollte mich ja impfen lassen, aber ich habe kein Angebot bekommen.“ Sie denken, es hätte sich einer bei ihnen melden müssen.

Das seien nicht unbedingt Impfgegner. Doch sie sprächen extrem schlecht Deutsch, seien obdachlos, gingen nicht zum Arzt, solange es noch irgendwie auszuhalten sei.

Dieser Bericht aus einem der größten sozialen Brennpunkte Deutschlands verdeutlicht einen Aspekt, der sich genauso im aktuellen Cosmo-Report ergab. Viele Menschen brauchen aktive Aufklärung. Für das Covid-Snapshot-Monitoring (Cosmo) fragt Cornelia Betsch von der Universität Erfurt mit ihrem Team regelmäßig die Corona-Stimmung der Bundesrepublik ab. Dieses Mal liegt der Fokus auf der psychologischen Lage.

6 Gruppen brauchen besondere Aufmerksamkeit

Die Ergebnisse zur Impfbereitschaft* fasst Cornelia Betsch folgendermaßen zusammen: „Bei fast allen psychologischen Faktoren zeigen sich immer wieder bestimmte soziodemographische Faktoren, die mit einer geringen Impfbereitschaft durch fehlendes Vertrauen, geringe Risikowahrnehmung und Trittbrettfahren einhergehen.“ Alles sei durch Aufklärung änderbar.

Diese aktive Aufklärung müsse sich richten an:

30 Prozent der Ungeimpften sind zögerlich

Es bleibt nicht mehr viel Spielraum, um die Impfquote drastisch zu steigern. Im Bericht heißt es: „Unter den Ungeimpften sind in der aktuellen Befragung nur noch sechs Prozent impfbereit, das heißt fast alle Erwachsenen unter 75, die sich impfen lassen wollen, sind jetzt bereits geimpft. 30 Prozent der Ungeimpften sind zögerlich, 64 Prozent sagen, sie wollen sich auf keinen Fall impfen lassen. Unter den Genesenen sind 74 Prozent impfbereit und 15 Prozent sind unsicher.“ Auch hier sei also noch Informationsbedarf zu erkennen.

Auffallend ist zudem eine weitere Erkenntnis der Befragung: „Unsichere und Zögerer unterscheiden sich nicht mehr deutlich von den Verweigerern – für alle Gruppen sind die Sicherheit, der eigene und soziale Nutzen der Impfung relevant. Die Verweigerer sehen Impfen jedoch eher nicht als ihren eigenen Beitrag zur Infektionskontrolle an.“

Wie sich die Unsicheren und Zögerer erreichen lassen

Corona-monitor.de Diese Maßnahmen können die Impfbereitschaft für verschiedene Gruppen erhöhen.

Betsch und ihr Team sehen nach wie vor Chancen, die genannten Gruppen zu erreichen. Für eine gute Impf-Aufklärung seien die jungen Frauen eine wichtige Zielgruppe. Sie raten, die Stiko-Empfehlung für Schwangere zum Anlass zu nehmen, Unsicherheiten rund um Impfung, Fruchtbarkeit und Kinderwunsch anzusprechen. Ärztinnen und Ärzte könnten jetzt, nachdem die Impfung gegen Covid-19 auch für Schwangere empfohlen ist, Frauen mit Kinderwunsch die Wichtigkeit der Impfung aufzeigen.

Für weniger gebildete Menschen und diejenigen mit Migrationshintergrund brauche es Material in anderer und einfacher Sprache, eventuell auch Videomaterial oder Telefonhotlines. Vor allem aktives Ansprechen durch Ärztinnen und Ärzte könne helfen.

Die Beispiele aus der Dortmunder Klinik unterstreichen das. Viele Menschen erwarten das offenbar. Dass das direkte Kontaktieren mit zum Erfolg führt, zeigt der Blick nach Dänemark oder Portugal ebenfalls. In diesen Ländern wurden die Einwohner persönlich angeschrieben und zur Impfung eingeladen, teilweise mehrfach.

Entscheidend sei es den Erkenntnissen des Cosmo-Reports zufolge außerdem: „Einen Impftermin bekommen und sich impfen lassen, sollte weiterhin so einfach wie möglich sein.“ Sehr relevant sei das Impfen direkt am Arbeitsplatz und im Bildungssektor – so könnten große Gruppen mit vielen Kontakten erreicht werden und der Aufwand, an eine Impfung zu kommen, werde drastisch reduziert.

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    • Szenario 1 (Bindung an Impfquote): Die Bundesregierung in Deutschland kündigt an, dass alle geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bundesweit aufgehoben werden, wenn 85 Prozent aller Personen über zwölf Jahre in Deutschland vollständig geimpft sind.
    • Szenario 2 (Bindung an bestimmtes Datum): Die Bundesregierung in Deutschland kündigt an, dass ab dem 30. Oktober 2021 alle geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bundesweit aufgehoben werden.

    Anschließend wurden die Teilnehmenden dazu befragt, wie sie zum jeweils präsentierten Szenario stehen und die Impfintention bisher Ungeimpfter erfasst.

    Ergebnisse: Das datumgebundene Szenario 2 verärgerte und belastete die Befragten im Mittel mehr als das impfquotengebundene Szenario 1. Dieses bewerteten sie insgesamt besser. Insbesondere im Hinblick auf die Eindämmung des Infektionsgeschehens sahen die Teilnehmenden es als effektiver an als eine datumsbasierte Lösung. Allerdings: „Die Impfbereitschaft bisher Ungeimpfter unterschied sich nicht zwischen den jeweiligen Szenarien.“

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    RKI-Ziel ist greifbar

    Die Corona-Maßnahmen werden die Menschen in Deutschland also noch einige Monate begleiten. Aktuell ist die Impfquote zu niedrig, um alle aufzuheben – zumal nicht klar ist, wo sie konkret liegt. Die Zahlen der vollständig Geimpften variieren zwischen 78 Prozent der Erwachsenen im Digitalen Impfquoten-Monitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI), 80 Prozent im Covimo-Report und den Zahlen der Cosmo-Befragung, die allerdings nur die Erwachsenen bis 74 einschließt.

    Dennoch nähert sich Deutschland damit dem RKI-Ziel. Es hat eine Zielimpfquote (Impfschutz durch vollständige Impfung) von 85 Prozent für die 12–59-Jährigen sowie von 90 Prozent für Personen ab dem Alter von 60 Jahren ausgegeben.

    „Wären alle geimpft, würden wir gar nicht von einer vierten Welle reden. Das wollen manche Menschen einfach nicht sehen“, sagte der Immunologe Carsten Watzl im Gespräch mit FOCUS Online. Würden wir es schaffen, dass noch mehr Menschen sich impfen lassen, würden wir entspannter durch diesen Winter kommen.

    *Hinweis: Generell ist der Anteil der mindestens einmal Geimpften in der Cosmo-Stichprobe etwas höher als in anderen Impfquoten-Monitorings berichtet (Erstimpfungsquote 85 Prozent in Cosmo, 68 Prozent Our World in Data, 84 Prozent Covimo (Hochrechnung Stand August)). Dies legt nahe, dass die Stichprobe in der Cosmo-Studie dem Impfen positiver gegenübersteht als die Allgemeinbevölkerung, was daher möglicherweise den Anteil der Impf-Unwilligen unterschätzt und die erreichbare Impfquote überschätzt. Auch werden hier nur Erwachsene im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt und die erreichbare Impfquote nur für diese Gruppe berechnet.

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