Explodierende Nachfrage, zu wenig Angebot: Wieso es so schwer ist, einen Corona-Testtermin zu bekommen

Die vierte Welle schwappt über Deutschland. Die Politik reagiert, wenn auch spät, mit einer Verschärfung der Maßnahmen. In allen Bundesländern gelten für bestimmte Lebensbereiche 3G-, teils sogar 2G-plus-Beschränkungen.

"Jeder kann und sollte sich regelmäßig testen", sagte Bundeskanzler Olaf Scholz vor Kurzem in seiner Ansprache in der ProSieben-Sendung "Joko und Klaas 15 Minuten live: Wir müssen über Corona reden". Einfacher gesagt als getan. Denn vielerorts gilt: Wer sich testen lassen möchte, braucht reichlich Geduld – und oftmals eine hohe Frustrationsgrenze.

Gut zu beobachten war dies am Wochenende auf Deutschlands bekanntester Partymeile, der Hamburger Reeperbahn. Dort galt zum ersten Mal: Ob geimpft oder nicht – wer sich nicht testen lässt, kann draußen tanzen. Allerdings waren die Schnelltest-Termine in vielen Vierteln der Hansestadt bereits vorab restlos ausgebucht – teilweise über Tage. Woran liegt das? Der stern hat mit zwei Anbietern von Corona-Teststationen gesprochen.

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Kostenpflichtige Tests: „Nachfrage ist um 50 bis 75 Prozent gesunken“

"Im Frühjahr war das in Hamburg sehr einfach. Man schloss einen Vertrag mit der Stadt ab: Wir mussten lediglich bestimmte Voraussetzungen erfüllen (zum Beispiel Mitarbeiterschulungen und ein Hygienekonzept) und durften dann eine Station an einem Standort unserer Wahl eröffnen", erinnert sich Axel Strehlitz. Der Veranstalter und Clubbetreiber auf St. Pauli betreibt mit "Corona Freepass" zahlreiche Teststationen in Hamburg. Dann sei es komplizierter geworden. "Man erhielt eine 'Beauftragung', laut der man vom Gesundheitsamt die Erlaubnis bekam, die kostenlosen Bürgertests durchzuführen. Mit dieser Beauftragung wiederum muss man sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung als Teststation registrieren lassen und später die Abrechnung abwickeln."

Ab dem 11. Oktober war Schluss mit Gratis-Tests. Pünktlich dazu strich die Stadt Hamburg auch die Beauftragung der privaten Anbieter, sagt Strehlitz. Das Freepass-Team habe lediglich ein Schreiben erhalten, in dem es hieß: "Danke für Ihren Einsatz." Dass das Interesse am Testen rapide sank, kein Wunder: "Die Nachfrage ist um 50 bis 75 Prozent gesunken", meint Thomas Fasshauer, Mitgesellschafter des Unternehmens "Stay Safe", das bundesweit derzeit mehr als 120 Teststationen betreibt. In anderen Teilen des Landes habe es immerhin die Option gegeben, die Beauftragung "ruhen zu lassen". Gelohnt habe sich das meist nicht.




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Angebot kann Nachfrage nicht decken

Einen Monat und eine Infektionswelle später sind die Tests erneut kostenlos. "Die Nachfrage hat sich über Nacht verdoppelt, mittlerweile verzehnfacht", sagt Teststation-Betreiber Strehlitz. Kein Wunder angesichts der strengen Maßnahmen, auch in Hamburg: 3G im öffentlichen Nahverkehr, Nachweispflicht für ungeimpfte Arbeitnehmer, 2G-plus in Clubs oder, wie es so schön heißt, "Tanzlustbarkeiten". Wer sich lediglich testen will, um "auf Nummer sicherzugehen", könnte doch auf einen Selbsttest ausweichen. Könnte man meinen. Denn auch der Kauf eines Selbsttests gestaltet sich zusehends zur Schnitzeljagd: Die Preise sind gestiegen, die Tests fast überall vergriffen, wie der stern berichtete

Mit der explodierenden Nachfrage stieg jedoch keineswegs das Angebot: "In der Spitze haben wir – zusammen mit Kooperationspartnern – mehr als 50 Teststationen betrieben. Jetzt sind es noch um die 20", sagt Strehlitz. Bevor die Tests Mitte Oktober kostenpflichtig wurden, standen auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli gleich mehrere Testschalter zur Verfügung. Jetzt ist ein einziger geöffnet. Wo zuvor Freepass-Kunden auf der Website bequem und spontan ein Termin vereinbaren konnten, heißt es nun in der Regel: "Heute sind leider schon alle Termine an dieser Station vergeben".

Zwar sei die Testnachfrage in der Hansestadt gestiegen. Dass es in Hamburg grundsätzlich schwer sei, einen Termin zu finden, will Anja Segert, Pressesprecherin der Hamburger Sozialbehörde, aber nicht bestätigen. Es hänge davon ab, wo in Hamburg man einen Termin sucht. "Da im Zuge der Finanzierung durch die Bundesregierung wieder Abrechnungsmöglichkeiten bestehen, gehen wir davon aus, dass zusätzliche Angebote eröffnet werden, sofern die Nachfrage das Angebot übersteigen sollte", so die Sozialbehörde weiter.

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Anbieter konnten nicht auf Ansturm reagieren

Als der Hamburger Senat am 30. November ankündigte, die Corona-Maßnahmen zu verschärfen, sei Strehlitz nicht vorab informiert worden. "Keiner weiß vorher, was der Senat beschließt", sagt er. Auf den Ansturm konnte er sich als Anbieter demnach keineswegs vorbereiten.

"Sie wurden benachrichtigt", sagt hingegen Segert von der Hamburger Sozialbehörde. Die Behörde sei allerdings selbst recht kurzfristig vom Bundesgesundheitsministerium unterrichtet worden. "Als wir diese Informationen hatten, haben wir sie entsprechend weitergegeben", so die Sprecherin. Doch hätte man "viele Sachen auch erst über die Medien erfahren".

Auch in anderen Bundesländern, so "Stay Safe"-Gesellschafter Fasshauer, hätten die Anbieter nicht auf die massive Nachfrage reagieren können. Natürlich wolle das Unternehmen die Testkapazitäten schnellstmöglich hochfahren. "Wir machen jede Woche zehn neue Testzentren in ganz Deutschland auf", sagt er. Das ginge allerdings weitaus schneller, wäre da nicht die deutsche Bürokratie. "Mein Gefühl ist, dass die Mehrheit der Gesundheitsämter mit der Situation überfordert ist", sagt Fasshauer. Bearbeitungszeiten dauerten dort teils Wochen. Dann wiederum scheitere es oft an Formalitäten: zu wenige Fenster, die falsche Lüftungsanlage. Die Bestimmungen, so Fasshauer, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt.

279 Anfragen von Privatanbietern – allein in Hamburg-Mitte

In Hamburg wiederum wolle der Senat "möglichst wenig private Anbieter haben", glaubt der Veranstalter Strehlitz. "In Hamburg betreiben unsere Zentren inzwischen ein Labor, dessen Arbeit wir unterstützen", schließlich sei die nötige Beauftragung noch nicht neu ausgestellt worden. Ohnehin sei dafür nicht mehr die Hamburger Sozialbehörde, sondern die einzelnen Bezirke selbst zuständig. "Hamburg-Mitte, so hat man es mir gesagt, hat aber 'keinen Bedarf' an privaten Anbietern". Dort liegt auch die Partymeile Reeperbahn. Auf Anfrage des stern erklärte das Bezirksamt Hamburg-Mitte, dass derzeit 279 Anfragen von privaten Testanbietern vorliegen. Diese würden geprüft. Es würden "zeitnah weitere Testmöglichkeiten bereitgestellt", heißt es seitens des Bezirksamts weiter. Man wolle sich jedoch zunächst auf den Ausbau von Testkapazitäten im "näheren Wohnumfeld" konzentrieren – das mache "infektionslogisch" mehr Sinn.

"Die medizinischen Anbieter, darunter Labore, Arztpraxen, Apotheken und auch Hilfsorganisationen, können ohne separate Beauftragung durch Behörden weitere Angebote eröffnen", betont Segert von der Hamburger Sozialbehörde. Doch ist mit der Einführung der 2G-plus-Regel für Clubs auch die Nachfrage an Tests in den späten Abendstunden gestiegen. "Ich kenne keinen Arzt und keine Apotheke, die nachts Tests anbietet", sagt Strehlitz. Ein Gastronomieunternehmen auf Sankt Pauli, so berichtet der NDR, hat eine eigene Teststation auf der Sündenmeile eröffnet. Zwölf Euro kostet der nächtliche Corona-Check hier, schließlich sei die Station nicht offiziell vom Gesundheitsamt beauftragt. Auch die Testzentren von „Stay Safe“ würden die Öffnungszeiten gerne ausdehnen, so Gesellschafter Fasshauer. Doch ließe sich nicht so einfach Personal finden.

Derzeit, so die Hamburger Sozialbehörde, sind 113 Testzentren in der Hansestadt geöffnet. Das seien "bereits 42 mehr als zum Ende der kostenlosen Testungen am 10. Oktober". Doch, wer abends in Hamburg – und in vielen anderen Städten – unterwegs ist, merkt davon nicht viel.

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